Tag des offenen Denkmals – Denk' mal an Diakonie 2010 – Sonntag, 12. SeptemberFriedhöfe – Botschaft des Lebendigen
Friedhöfe? Orte der Trauer?Orte des Erinnerns an Vergangenes? Orte des Abschiedes, der Endgültigkeit? Die meisten von uns fühlen es so, wenn sie sich diesen Orten zuwenden. Melancholie, Wehmut, Erinnerung an den Tod. Hier mahnt uns jeder Grabstein: Leben ist vergänglich!
Leben über den Tod hinaus – eine der wichtigsten Hoffnungen unseres Glaubens. Unsere Friedhöfe lassen uns an dieser Botschaft teilhaben: Stätten des Lebens, des Lebendigen, der Fortdauer von Existenz. Vor uns, in unserer Zeit und danach!
Friedhöfe erzählen.Grabsteine lassen lebendig werden: Familiengeschichten, Traditionen, Namen von Menschen, deren Nachkommen heute unter uns leben. Wir setzen fort, was vor uns begann. Wir halten Zwiesprache mit diesen Geschichten und unserer lebendigen Geschichte. Unsere Gedanken schweifen zurück in alte Zeiten, die auf einmal gegenwärtig werden, wenn wir genauer hinschauen: Alle, die hier begraben wurden, haben einmal gelebt. Sie gaben uns etwas mit auf den Weg, auf dem wir gehen. Ihr Leben ist in unserer Nähe. Wir tragen es mit uns in die Gegenwart und Zukunft.
Friedhöfe – Orte des Friedens.Diejenigen, die hier ruhen, haben ihren Frieden gefunden. Doch um sie ist Leben, Bewegung und lebendige Vielfalt: Es grünt und blüht überall – Bäume, Sträucher und je nach Jahreszeit wechselnde Blüten. Friedhöfe sind große grüne Inseln in unserer Stadt, in unserem Dorf. Inseln des Lebens, das sich Jahr für Jahr erneuert. Im Frühling, wenn es zu grünen beginnt; im Sommer; in den Farben des Herbstes. Selbst im Winter ist der Friedhof nicht tot. Es gibt die Vögel, die die kalte Jahreszeit hier überleben. Und die Gräber erinnern mit dem lebendigen Grün der Tannen an das Leben und seine Wiederauferstehung.
Erst recht der Frühling und der Sommer! Welche Lebendigkeit auf dem Friedhof! Die Pflanzen und Bäume, das belebende Grün. Und das große und kleine Leben, das wir überall sehen, wenn wir nur genauer hinschauen: Dort fliegt eine Amsel, eine Meise sucht in den Bäumen nach Insekten, an einem Grashalm ein Marienkäfer. Das Gezwitscher der Vögel, einige von ihnen kreisen in der Luft über dem Friedhof oder sie fliegen pfeilschnell über dem Boden. Irgendwann dann das leise Fiepen der Jungen. Neues Leben, das auf dem Friedhof entstanden ist.
Friedhöfe sind Orte des sich erneuernden und sich beweisenden Lebendigen.Ein ganzes Jahr lang! Immer wieder neu! Wir wissen um Vergänglichkeiten. Doch das Leben weist über den Tod hinaus. In der Ruhe und dem Frieden unserer Friedhöfe ist diese Botschaft spürbarer als vielleicht an anderer Stelle.
Wir schauen, wir hören, wir empfinden: Da ist die Lebendigkeit der Schöpfung! Da ist lebendige Hoffnung! Auf den Friedhöfen umgibt sie uns. Dort können wir sie erspüren: Die sich immer wiederholende Lebendigkeit der Welt, deren Teil wir sind.
Ja, und da sind die Menschen, denen wir begegnen. Sie pflegen ein Grab. Sie werfen ab und zu einen Blick auf Grabsteine. Sie gehen langsam durch die Reihen. Friedhöfe verleiten den Besucher nicht zur Hast. Sie sind Orte der „Entschleunigung“, wie wir das heute nennen. Gelegenheit zum Stehenbleiben. Zum Nachdenken. Auch das ist Leben! Ins Gespräch kommen. Wir grüßen Menschen, an denen wir vorbeigehen, wir tauschen einen Blick aus, gehen vielleicht auf sie zu, reden über das, was sie oder uns bewegt. Darin ist sehr viel Lebendigkeit: mit Menschen reden können. Im Gespräch dürfen wir uns öffnen. Friedhöfe sind besondere Orte in ihrer ganz eigenen Lebendigkeit. Hier, wo so oft Tränen vergossen wurden, wo Trauer uns zu überwältigen drohte, treffen sich lebendige Menschen. Mag sein, dass sie dann ein freundliches Lächeln verbindet, vielleicht sogar ein gemeinsames befreiendes Lachen, das unseren Alltag lebendig sein lässt.
Ein besonderer Ort. Wir treten durch das Tor zum Friedhof: Ein Schritt ins Leben mitten in der Gegenwart des Vergehens! Mitten in Trauer und Gedenken: Platz für eine lebendige Botschaft! Wir richten unseren Blick auf sie im Erkennen und Glauben!
Wann waren Sie zum letzten Mal auf einem Friedhof?„Lieber nicht zu oft“, möchten Sie jetzt wohl zur Antwort geben. „So gern gehen wir doch nicht an diesen Ort, wenn es nicht sein muss!“ Und doch möchten wir Sie nun einladen, wieder einmal auf einen Friedhof zu gehen. Nicht aus Zwang oder weil die Pietät, die Trauer es gebieten. Sondern mit dem besonderen Blick für einen besonderen Ort. Einen Ort des Lebens, der Lebendigkeit und der lebendigen Erfahrung, dass irdische Vergänglichkeit nur ein Teil unserer möglichen Wahrnehmungen ist. Friedhöfe: Orte des Lebendigen. Ein Platz, an dem wir die Botschaft des Lebens spüren und erleben können. Wir laden Sie ein zu dieser ganz besonderen Erfahrung an einem besonderen Ort.
Wir, das sind: Mitarbeitende des ambulanten Hospizdienstes und des Trauercafés, die Mitglieder der Diakoniestiftung im Kirchenkreis Osterholz-Scharmbeck, Mitglieder von Kirchenvorständen und Friedhofausschüssen, Musiker und Musikerinnen, Künstler und Künstlerinnen, Pastoren und Pastorinnen und andere mehr.
Jutta Rühlemann
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