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01.01.2011
Gedanken zur Jahreslosung 2011 von Superintendentin Jutta Rühlemann
Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem. Römer 12, 21


Wutbürger“ - das „Wort des Jahres 2010“. Kein schönes Wort. Es klingt aggressiv, zerstörerisch, es droht mit der Faust, es erschreckt, obwohl es doch eigentlich etwas ganz anderes beschreibt: Den Versuch von Menschen, sich aktiv einzumischen, sich nicht nur von oben gestalten zu lassen, sondern mitzugestalten. Ist da Wutbürger“ das richtige Wort? Wut, das ist unkontrolliert. Sie zerreißt uns. Wir kontrollieren uns nicht mehr. Fast alle Welt sieht es so: Wut – das ist etwas Böses. Wer geht schon gern mit einem wütenden Menschen um!

Schade eigentlich, dass manche berechtigte Kritik an Entscheidungen in Staat und Gesellschaft mit diesem Etikett versehen worden ist. Es wird dem nicht gerecht, was eigentlich bürgerliches Engagement sein sollte.

Denn Wut ist „Einfallstor“ des Bösen. Wir sind wütend auf alles, was uns stört: Die Politiker, die Lehrer, die Kirche, den Nachbarn, den Vorgesetzten, das Finanzamt, den Angestellten, der uns ein „Knöllchen verpasst“ - kurz auf jeden, der uns im Weg steht. Wer wütend ist, verliert dabei leicht den klaren Blick. Am liebsten würden wir dreinschlagen. Und tun dann genau das, was wir anderen vorwerfen. Lassen wir diesen anderen dann noch gelten? Oder sehen wir nur noch den Feind, überschätzen wir unsere eigene Position als die einzig richtige? Ist Uneinigkeit uns wichtiger als Toleranz und Kompromiss? Verstehen wir in unserer Wut noch, dass mein Gegenüber, dass die Entscheidungsträger, die Verantwortung Tragenden vielleicht auch ein wenig Recht haben könnten. Nicht nur ich?

Paulus erkennt dies, als er seinen Brief an die römische Gemeinde schreibt, aus dem die Jahreslosung 2011 stammt. Er warnt seine Glaubensgeschwister vor Einseitigkeit: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“.

„Verschreibt euch nicht dem Bösen in Feindbildern, die andere zu „Bösewichtern“ machen: Erkennt, dass auch Euch Böses gefährden kann, wenn ihr nach euren Wegen sucht!“ In diese Richtung zielen Paulus Worte: Wir gehören alle zu einer Gemeinschaft, sagt er, jeder hat dort Aufgaben, die er erfüllen und ernst nehmen muss. Paulus spricht von Barmherzigkeit, von geschwisterlicher Liebe, von Herzlichkeit, sogar von Ehrerbietung. Wir würden heute wohl eher von Respekt reden.

Leitgedanke ist für Paulus die geschwisterliche Liebe: „Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor.“

Tut, was ihr tun soll, mit „brennendem Geist“, sagt Paulus. Nicht mit Wut! Sondern im Vertrauen auf Gott. Vergeltet nicht Böses mit Bösem, seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Helft dem Menschen neben euch, indem ihr ihm zu essen und zu trinken gibst. Strebt den Frieden mit ihm an. Seid nicht all zu sehr von euch selber überzeugt: „Haltet euch nicht selbst für klug.“

Natürlich heißt das heute nicht: „Mund halten und alles hinnehmen, was andere tun oder beschließen! So würde es Paulus heute mit Sicherheit auch nicht wollen.

Paulus geht davon aus, dass Gottes Wille darin besteht, dass wir Menschen uns von ehrlichem Bemühen, von Mitmenschlichkeit, Fairness und geschwisterlicher Liebe leiten lassen.

Wut ist dabei ein schlechter Ratgeber. Wut schlägt leicht in Selbstüberschätzung und Intoleranz um. Wut ist ein wichtiges Gefühl , aber kein guter Ratgeber. Auf beiden Seiten! „Lass Dich nicht vom Bösen überwinden“, sagt Paulus, „unterwerfe Dich nicht Deinem Zorn, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Wir brauchen keine „Wutbürger“, sondern ein Bild von uns, dass wir Mensch unter Menschen sind und dass darin unsere Verantwortung besteht.

Ein gesegnetes Jahr 2011 wünsche ich allen Lesern und Leserinnen.

Jutta Rühlemann
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