Kreisfrauentag thematisiert die Maskerade des Lebens und zeigt Auswege aufKirchenkreis Osterholz-Scharmbeck. Können wir als Maskenträger wahrhaftig leben? Warum stecken wir in unseren Rollen fest? Wie geht das: das wahre Gesicht zeigen? Diese Fragen bewegten die Teilnehmerinnen des Kreisfrauentages am vorvergangenen Mittwoch im Fährhaus Bremen-Farge. In vielen Programmpunkten beleuchteten die Kirchenfrauen nicht nur die Facetten des Themas. Sie zeigten auch: Maskerade ist kein Schicksal – wir können ausbrechen und selbstbestimmter leben.
Die Kreisfrauenbeauftragte Brigitte Virnich stimmte in ihrer Begrüßung die Gäste aus den 17 Kirchengemeinden auf das Thema ein: „Wir alle brauchen Masken, würden aber gerne oft ehrlicher sein“. Viele Menschen vermissten authentische Gefühle, offene Gespräche, die das Herz des anderen erreichen. Und: Oft genug werde die Maske mit ins Grab genommen.
„Was steckt hinter Masken?“, fragte der stellvertretende Superintendent Norbert Hintz (Wilstedt) bei seiner Andacht in die Runde. Die Maskerade, so Hintz, habe viele Gesichter: reserviertes Auftreten, Schminke, schickes Dress, professionelles Verhalten und mehr. Die Masken seien oft Schutz, „denn manche von uns sind verletzt worden“. Doch die Maske sei kein Schicksal: Das Leben in Jesus ermutige, die Masken abzunehmen, befreie für die unverstellte Gemeinschaft mit Gott und den Menschen.
Wie sehr Masken den Alltag bestimmen, spielten die Frauenbeauftragten Brigitte Virnich, Elisabeth Hintz und Uta Keller in lustigen Verkaufsszenen eines Maskenhändlers vor. Im Angebot: Masken für den Verwandtenbesuch, das Vorstellungsgespräch, die Verabredung, die Beerdigung oder die Universalmaske für alle Anlässe. „Der Markt ist unersättlich, oder kennen Sie jemanden, der es sich leisten kann, sein wahres Gesicht zu zeigen?“, fragte Virnich als Verkäuferin in die Runde.
Diese Frage nahm die Lilienthaler Ärztin Dr. Margot Kempff-Synofzik in ihrem Gastvortrag auf. Ihre Diagnose: Wir leiden nicht nur selbst unter unseren Masken, sondern machen andere auch zu Maskenträgern. „Wir erwarten von anderen die perfekte Rolle: vom Pastor, der Ärztin, dem Bankangestellten oder der Mutter“, sagte die Referentin.
Unsere Masken, so die Ärztin, haben Geschichte und Gründe: Erstens wähle jeder Masken und Rollen nach seinem Leitbild aus, frage sich „Wer möchte ich sein, was will ich verkörpern?“ Die Erziehung fördere oder unterdrücke viele Verhaltensweisen. Der eine dürfte Gefühle zeigen, der andere müsse immer das brave Kind inszenieren. Die dritte Einflussgröße seien „die Kultur und die sozialen Konventionen“.
Viele dieser Prägungen, so die Referentin, könnten zur Maske, zum Korsett werden wenn die Maske die Gefühle und Interessen verdecke und nicht gelüftet werden dürfe. „Die Gefahr ist, dass die Masken uns prägen und wir in der Rolle gefangen sind“, warnte die Ärztin. Dann würden Gefühle wie Trauer, Leid, Einsamkeit und Wut unterdrückt und versteckt. Auch Christen seien vom Leben mit Masken betroffen, „wenn sie ihren Zorn und Ärger aus Demut nicht zeigen dürfen“. Das könne „Depressionen bringen, die sich oft hinter körperlichen Beschwerden verstecken“.
Doch wie ohne Masken leben? Jeder habe die Sehnsucht, sich selbst und andere unverstellt, echt und lebendig zu zeigen und zu erfahren, sagte Kempff-Synofzik. Was uns daran hinderte, sei die Angst vor Verachtung und Ausgrenzung. „Wir haben Angst, im Blick der Anderen nicht bestehen zu können“. Demaskierung sei daher nur möglich, „wenn die Angst die Liebe trifft“.
Das könne gelingen, wenn jeder einzelne seine Sehnsucht lebe, offen zu sein. „Dann kann er das Rollenspiel aller durcheinanderbringen“, machte die Lilienthalerin Mut. Liebe sei der Schlüssel zu mehr Echtheit und neuer Identität. Die Zuwendung, der liebende Blick, ermutige den Anderen, sich zu öffnen, seine Gefühle zu zeigen. Und die Liebe zu Gott, so die Referentin, könne diese neue Menschlichkeit in Gang setzen. Da Gott jeden Einzelnen in seiner Identität annehme, mache er Mut, die eigene Identität zu leben und die Mitmenschen zu akzeptieren. Bestes Beispiel hierfür sei das Beispiel des Zöllners Zachäus, den Gott von der ausgrenzenden Maske des Geldraffers befreit und ihm neues Leben geschenkt habe. Ihr Ausblick: Wer Mut gewinnt, Masken abzulegen, gewinnt mehr Selbstvertrauen, lebt toleranter und wahrhaftiger.
Roland Hofer