Für Geist und Seele

Angedacht

Gedanken aus dem Kirchenkreis

aus dem Osterholzer Kreisblatt

Seit einigen Jahren lerne ich niederländisch – nur so, zum Spaß. Und ich freue mich an Worten, die mir in besonderer Weise nahekommen. Zum Beispiel „kwetsbaar“. Dafür brauche ich keine Vokalbelkarte mehr, denn meine Eselsbrücke trägt: „kwetsbaar“ – da denke ich an „quetschbar“. Dann sehe ich Äpfel vor mir, die durch das Herunterfallen vom Baum angeschlagen, „verletzt“ sind, und ich weiß: „kwetsbaar“ bedeutet verletzlich, verwundbar.

Verletzlich, so erlebe ich gegenwärtig viele Menschen – nicht nur, aber auch durch den Druck, den die Pandemie auf sie ausübt. Ungeduld und Ärger auf der einen Seite trifft auf Dünnhäutigkeit und Verletzlichkeit auf der anderen Seite.

Kwetsbaar sind die Nerven mancher Eltern, wo nicht klar ist, ob das Kind mit Schnupfen zuhause bleiben soll und ob überhaupt bis zu den Ferien Schule und KiTa offen sind.

Verletzlich ist der, dem die Unsicherheit der Arbeit an den Nerven zerrt und die, deren Videokonferenz wieder einmal zusammenbricht.

Die Sorge um diejenigen, die in besonderer Weise verletzlich sind, treibt viele um: alt gewordene Eltern, Kinder, Kranke.

Ich habe den Eindruck, dass es gegenwärtiger etwas häufiger kracht. Ungeduld und Verletzlichkeit treffen auf einander, Druckstellen sind vorgezeichnet.

Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig … Als wir Kinder waren, hat mein Vater uns beigebracht, bei Gewitter nach dem Blitz so zu zählen bis der Donner kommt.

Da das Licht schneller ist als der Schall und dieser rund 330 Meter pro Sekunde braucht, konnten wir leicht ausrechnen, wie weit das Gewitter entfernt ist. Meistens kam es am Ende gar nicht nahe; das hat den Druck und die Angst gelindert.

Einundzwanzig, zweiundzwanzig dreiundzwanzig – zählen und tief durchatmen, bevor ein Gewitter kommt, das wünsche ich mir für den Umgang miteinander. Um die eigene Dünnhäutigkeit wissen und sie auch beim Gegenüber vermuten. Wenn eine Bemerkung, eine Anordnung oder eine vermeintliche Provokation eintritt, nicht gleich reagieren.

Erst einmal zählen: Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig … Und durchatmen.

Damit kann man den Druck rausnehmen, auch den auf sich selbst. Denn die unmittelbare Reaktion, die schnelle Mail oder das laute Wort macht meistens mehr kaputt. Wenn wir uns bewusst sind, dass nicht nur wir selbst, sondern auch das Gegenüber quetschbar, verletzlich ist, dann wächst Verständnis. Dafür lohnt: Durchatmen. Den Donner fernhalten.

„Das geknickte Rohr wir er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ sagt die biblische Verheißung im Jesajabuch über den Messias. Ein zartes Bild, dass um die Verletzlichkeit des Lebens weiß. Da schließt sich eine Hand um das flackernde Kerzenlicht, um es zu schützen. Wenn jetzt Herbst wird, brauchen wir viele solche Hände. Damit die Druckstellen uns nicht beschädigen, die Lichter weit leuchten.

Moment mal

Erfahrungen des menschlichen Alltags, aus dem Glauben gedeutet. Eine Reihe zum kurzen Innehalten im schnellen Lauf der Zeit. Eine Podcast-Reihe des NDR

Moment mal
evangelisch.de

Protestant-O-Mat

Evangelisch wie...? Finde es heraus!

Protestant-O-Mat