Für Geist und Seele

Angedacht aus dem Osterholzer Kreisblatt (Pastorin Birgit Spörl, Ritterhude)

„Lass uns nicht über Corona reden“ sagt die Freundin am Telefon. Genervt von einem Tag voller Videokonferenzen. Wir versuchen es. Aber ganz ehrlich: Es geht nicht. Egal ob es um die Kinder geht und deren Abiturprüfungen, ob wir von der Arbeit sprechen oder über die Eltern. Auch als wir zuletzt hilflos fragen: „Und sonst bei dir?“ Alle Bereiche des Lebens haben mit Corona zu tun. Das ist so.

Vor einem Jahr ist in Deutschland der erste Coronafall aufgetreten. Und seit dem bestimmt die Pandemie unser Denken und Handeln, die Arbeit und das Privatleben, umgibt alles wie ein grauer Nebel. Und wir fragen: Wie lange noch?

Neben den großen „Wellen“ der Pandemie erleben wir alle unsere kleinen. Natürlich gibt es Zeiten, in denen es gut geht: Ich räume auf, freue mich über Zeit für Gespräche, gehe wandern, schaffe Ordnung. Aber es gibt eben auch die Wellentäler. In denen ich mich ohne Grund müde und ausgelaugt fühle und keine Lust habe, das zu verbergen. Wie lange noch?

Ein Jahr ist für mich ein Fünfzigstel meines Lebens. Für ein fünfjähriges Kind ist es schon ein Fünftel. Welche Spuren hinterlässt das? Jugendliche werden stiller und wissen oft nicht, wohin mit ihren Gefühlen. Wie wird die Zeit sie verändern?

„Wir wollen nicht klagen“ sagen manche, mit denen ich spreche. Weil sie wie ich spüren: Im Vergleich zu vielen anderen sind wir sehr gut dran. Aber trotzdem: Manchmal muss der Frust raus. „Herr, wie lange?“ Mir geht durch den Kopf, dass so ein Psalm beginnt.

„Herr wie lange, wie lange willst du mich vergessen? Wie lange muss ich mich sorgen, wie lange noch ängstigen in meinem Herzen? (Psalm 13)

In diesem Klagespsalm schüttet einer sein Herz aus vor Gott. Er lässt Dampf ab, aber nicht, indem er etwas kaputtschlägt, sondern indem er Gott die Müdigkeit und Wut entgegenwirft und bittet: Schau hin, hilf mir!

Und indem es gesagt, geklagt wird oder auch geschrien, verwandelt sich etwas. Das ist erstaunlich in den Klagepsalmen: Plötzlich schwingt der Beter um zum Lob. In Psalm 13 klingt das so: „Ich traue darauf, dass du so gnädig bist. Mein Herz freut sich, dass du so gern hilfst.“ Gott hört und verwandelt die Klage.

Auch im Gespräch mit der Freundin haben wir beschlossen: Nun sagen wir mal alles, was gerade so richtig doof ist. Klagen es laut, lassen mal alles raus. Laut. Wie gut das tut!

„Und was macht du jetzt“ frage ich, als wir uns verabschieden. „Ich dreh die Musik auf und tanze ne Runde“ sagte sie. „Und du?“ „Ich guck Sportschau“ sage ich. Und mit viel Glück gewinnt Werder wieder und der Abend wird gut.

Niemand bleibt allein

Seiten für schwere Zeiten

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Erfahrungen des menschlichen Alltags, aus dem Glauben gedeutet. Eine Reihe zum kurzen Innehalten im schnellen Lauf der Zeit. Eine Podcast-Reihe des NDR

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