„Auf dem Schilde nach Hause kommen“

Nachricht Hambergen, 01. November 2026

Überbringen einer Todesnachricht – Rückblick eines Workshops

Gerd Brauns (Samtgemeindebürgermeister), Hans-Jürgen Bollmann (Notfallseelsorger), Pavlo Buzinzki (Bürgermeister der Gemeinde Kryve Osero) und Christel Gaiser-Wolff (Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin und ehrenamtliche Notfallseelsorgerin)

Die Samtgemeinde Hambergen betreibt seit der Überführung eines Tanklöschfahrzeugs der Ortsfeuerwehr Hambergen im Jahre 2023 eine rege Partnerschaft mit der Gemeinde Kryve Osero aus der Region Mykolajiw in der Ukraine. Im Vorfeld des diesjährigen Besuches ergab sich die Anfrage an unser Notfallseelsorgesystem im Kirchenkreis Osterholz-Scharmbeck, ob wir einen Workshoptag zum Überbringen einer Todesnachricht gemeinsam gestalten und anbieten können. 

 

Bei der ersten Anfrage bin ich noch zögerlich und denke, da können wir wohl besser von denen etwas lernen als die Gäste von uns, ich sage aber zu und nehme die Herausforderung an. Gemeinsam planen Christel Gaiser- Wolff (Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin und ehrenamtliche Notfallseelsorgerin) und ich in Absprache mit Gerd Brauns (Samtgemeindebürgermeister) die Begegnung.

 

Beim Workshoptag selbst zollen wir den Gästen großen Respekt und sprechen unsere Hochachtung aus. Wir betonen, dass wir nicht wissen können, wie es ist, mit einer solchen Bedrohung zu leben, geschweige denn, wie es ist, im Krieg zu leben. Auch wenn wir tagtäglich mit Nachrichten konfrontiert werden und von Provokationen, Anschlägen, Sabotageakten, Drohnen und vielem mehr die Rede ist. Wir wissen auch, dass wir nicht mehr im Frieden leben, ABER die uns umgebende Wirklichkeit ist eine völlig andere und nicht mit der in der Ukraine zu vergleichen.

Wir kennen uns aus mit Großschadenslagen und den innerhäuslichen oder außerhäuslichen Einsätzen, wir führen Nachgespräche zu Einsatzlagen, im Katastrophenschutzstab üben wir bestimmte Szenarien, dennoch: NICHTS ist für uns vergleichbar mit dem, was wir dann bei dem Workshoptag mit den Gästen aus der Ukraine in der Samtgemeinde Hambergen erlebt und gemeinsam erarbeitet haben.

Sie hatten um Unterstützung gebeten, um sich besser aufzustellen beim Überbringen von Todesnachrichten. Ich gebe mal einige ihrer Anfragen wieder:

  • Lernen einer Person eine Todesnachricht zu überbringen, ohne zu schaden und gleichzeitig professionell zu bleiben.
  • Mehr verstehen, was soll ich tun, wenn ältere Menschen oder Kinder in der Nähe sind?
  • Wie soll ich zurechtkommen, nach einem solchen schwierigen Arbeitstag und davon nichts in die Familie übertragen?
  • Was sind Worte, die helfen?
  • Ist ein Mitleidswort okay?
  • Wie sollen wir umgehen mit Aggressionen gegenüber dem Staat?
  • Wie können wir dem Hass vorbeugen und Unterstützung zeigen?
  • Wie können wir umgehen mit Schuldgefühlen?
  • …

Wir erleben die eindrucksvolle Schilderung eines „Lebendigen Korridors“, den die Einwohner bilden, wenn ein gefallener Verteidiger, - so wie sie es formulieren - „auf dem Schilde nach Hause“ kommt. Ein Verteidiger, der mit Anfang 20 sich freiwillig gemeldet hat. In einem anrührenden Lied bekommen die Kraniche eine besondere Bedeutung, wenn eine Mutter im Text sagt: „Ich will mich dem Zug der Kraniche anschließen und zu dir fliegen, mein Liebling!“ 

Mit Hilfe der Simultanübersetzerin Iryna ist die Sprache kein Hindernis, manchmal ist sie fast zu schnell. Christel Gaiser- Wolff und ich teilen uns die Arbeitseinheiten und führen durch den von Gerd Brauns gut vorbereiteten Tag. 

Die Geschichten rühren uns an und wir merken, wo wir aber auch schnell an unsere Grenzen stoßen, vor allem beim Thema Belastungsgrenzen/Belastungsreaktionen. 

Denn während wir bei hiesigen Notfallseelsorgesituationen und Großschadenslagen davon ausgehen, was nach dem Einsatz zu tun ist und unsere Erfahrungen haben, bleibt bei den Menschen aus der Ukraine, wie eingangs erwähnt, die Anspannung! Sie leben ständig mit der Bedrohung. Während wir Bilder im Kopf haben, wie eine „normale Belastungskurve“ verläuft und nach einer gewissen Zeit abflacht, wir uns erholen, und wir normalisierend und entpathologisierend arbeiten, gibt es für die Menschen aus der Region Mykolajin keine Entspannung. Es ist nicht zu vergleichen. Dennoch überlegen wir gemeinsam, was gehen könnte. Wir betonen, es gibt Fragen, da gibt es keine Antworten drauf, das ist so. Vielmehr geht es darum, weniger zu reden, die Stille auszuhalten und den Gefühlen Raum zu geben.

Pavlo, der Bürgermeister, ist sehr betroffen, ebenso wie seine Mitarbeiterin Nataliia aus der Verwaltung und sein Stellvertreter Andrii. Sie sind diejenigen, die die Einberufungen zustellen und schließlich auch diejenigen, die die Todesnachrichten überbringen.  Die Trauer überwiegt, mitfühlend tun sie ihren Dienst für ihr Land, aber dann, wenn sie vor der Haustür stehen, kommt ihnen die ganze Wut entgegen. Wir versuchen, zu betonen, dass diese Wut einen anderen Adressaten hat.

Zum andern staunen wir über die vielen Rituale, die Halt geben und sich strukturgebend auswirken. Wir sprechen davon, dass wir hin und wieder eine Kerze im Gespräch anzünden, was gut geeignet ist, um das Schweigen und den Schmerz auszuhalten und schon so manches Mal das Gespräch eröffnet hat.

Bis dahin, dass wir Mut machen, auch auf sich selbst zu achten. „Was könnte mir jetzt guttun?“ Christel Gaiser-Wolff lädt schließlich ein zu einer Übung, die gern angenommen wird, entspannt einen Moment die Augen zu schließen, sich mitnehmen zu lassen. Auch das darf sein.

Doch uns ist bei allem klar:

Im Vergleich zur kirchlichen Notfallseelsorge ist Seelsorge in Kriegsgebieten viel stärker auf ein dauerhaftes Leben im Ausnahmezustand ausgerichtet: auf Beschuss, Vertreibung, Verlust, Unsicherheit und auf Gemeinden, die auseinandergerissen werden. Unsere Notfallseelsorge ist Teil der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV), sie bringt Struktur ins Chaos: unmittelbar, überkonfessionell und professionell und ist offen für die spirituelle Dimension.

Im Kriegfall liegen die Schwerpunkte des Handelns aus seelsorglicher Perspektive weniger auf der Verarbeitung eines einzelnen Ereignisses, sondern auf Würde, Hoffnung, Orientierung und Gemeinschaft unter fortlaufender Bedrohung. Dazu gehört besonders die Begleitung von Zivilisten, Geflüchteten, Kindern und Soldaten, die Stärkung von Familien und die seelsorgliche Begleitung von Tod, Abschied und Begräbnissen. Wobei auch die Schuldfrage und die Frage nach dem Warum latent mitschwingen.

 

Der ICRC (International Review of the Red Cross) beschreibt religiöse Begleitung im Krieg als moralische und spirituelle Unterstützung; Geistliche übernehmen dort Beerdigungen, letzte Rituale und die Verbindung zu Angehörigen. Kirchliche Hilfsstellen betonen zugleich, dass neben dem Spirituellen auch praktische Bedürfnisse mitgedacht werden müssen, dazu gehören:  

Da sein, zuhören, Stille aushalten, beten, segnen, liturgisch und rituell begleiten, Trauer und Klage Raum geben, bei Abschied und Bestattung helfen und den Alltag mittragen. Der ICRC beschreibt: In der Ukraine wird diese Arbeit teils bewusst „mobil" gedacht, als Kirche ohne feste Räume; gleichzeitig wird sie mit medizinischen und psychologischen Fachkräften vernetzt, wenn Menschen mehr als Seelsorge brauchen.

 

Beim Abschluss des anstrengenden Workshoptages sitzen wir noch beim Essen zusammen. Die Thematik liegt wie ein Schatten über den Gesprächen, bei vorangehenden Begegnungen war die Stimmung lockerer. Die Anspannung auszuhalten, die Gefühle haben Spuren hinterlassen, Erschöpfung wird deutlich. Wir haben bemerkt, dass unsere Gäste über Dinge gesprochen haben, über die sie sonst nicht (mehr) sprechen.

Alle sind sich aber einig, das war ein wertvoller Austausch, eine sehr gute Begegnung, die uns alle berührt hat und uns nahe gegangen ist.

Wir nehmen ganz viel mit, auch wenn wir nicht alles beantworten konnten, auch wenn unsere Gesamtumstände ganz andere sind. 

Wir leben in unterschiedlichen Kulturen - auch wenn das so ist-,   aber ganz so weit ist die Thematik für uns dann auch wieder nicht, wenn wir uns auf verschiedenen Ebenen um die zivile Landesverteidigung Gedanken machen, um „vor die Lage“ zu kommen.

 

 

Hans Jürgen Bollmann, Beauftragter für Notfallseelsorge im Sprengel Stade