Am Nachmittag des 24. Dezember stand Pastor Peter im Gemeindehaus. Gleich würde der Krippenspielgottesdienst beginnen. Viele Wochen hatte er mit Kindern der Gemeinde dafür geprobt. Nun war der Tag der Aufführung gekommen und wie verabredet kamen die Kinder zur besprochenen Zeit ins Gemeindehaus.
Routiniert steuerten sie auf die Kiste mit ihren Kostümen zu. Jetzt mussten sie schnell sein und sich verkleiden. Schließlich blieb nicht viel Zeit bis zum Beginn des Gottesdienstes. Doch als sie den Karton öffneten, staunten sie nicht schlecht. Im Karton lagen keine Schaffelle und keine Hirtenstäbe, sondern jede Menge funkelnder Partyoutfits. „Wie cool ist das denn?! Das ist ja alles viel schöner als das, was wir in den Proben anhatten!“
„Was habt ihr denn da in der Hand?“ Pastor Peter war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. „Das war doch nicht etwa in der Kiste? Wo sind eure Kostüme?“ Doch die Kinder reagierten nicht.
Hilfesuchend blickte er die jugendlichen Teamer an: „Wo sind unsere Kostüme?“ „Keine Ahnung“, antworteten sie schulterzuckend. „Das sind auf jeden Fall die Partyaccessoires für die Silvesterfreizeit nach Spiekeroog nächste Woche. Elli wollte die doch eigentlich schon längst in den Bulli geladen haben, damit wir sie dann nächste Woche mit auf die Insel nehmen können.“
Pastor Peter beschlich eine Vermutung, was da passiert war. Hatte seine Kollegin tatsächlich den falschen Karton eingepackt? Das konnte doch nicht wahr sein! Der Bulli stand schon auf dem Parkplatz der Nachbargemeinde. Von dort würde nach Weihnachten die Freizeit beginnen.
„So ein Mist! Der Gottesdienst beginnt gleich und wir haben kein einziges Kostüm!“ Doch die Kinder störte das nicht. Sie waren versunken darin, all die bunten Sachen anzuprobieren. „Beruhigt euch bitte und lasst die Kostüme im Karton. Die richtige Kiste können wir nicht mehr holen, wir müssen jetzt improvisieren.“
Fieberhaft suchte er nach einer Lösung, doch wenn er ehrlich war: In seinem Kopf war gähnende Leere. Ohne Kostüme würde dem Krippenspiel doch etwas fehlen. Doch woher sollte er die auf die Schnelle bekommen? Einzig ein kurzes Gebet kam still über seine Lippen: „Gott, sei mit uns!“
„Leute, wir müssen jetzt rüber in die Kirche. Ich schlage vor, wir führen das Krippenspiel jetzt einfach ohne Kostüme auf. Es wird schon gehen. Die Gemeinde muss sich eure Verkleidung einfach vorstellen. Sie kennen die Geschichte ja sowieso in- und auswendig.“
Und so machte sich die Gruppe auf den Weg in die Kirche. Kaum waren sie da, setzte die Orgel ein, der Gottesdienst begann:
„Liebe Gemeinde, in diesem Jahr feiern wir das Krippenspiel ein bisschen anders, als ihr es gewohnt seid. Wir setzen auf eure Vorstellungskraft und Interpretationsfähigkeit.“
„Es begab sich aber zu der Zeit…“, setzte der jugendliche Teamer an, und Maria und Josef betraten die Bühne. Doch was hatten die beiden denn an? Pastor Peter wurde heiß und kalt zur selben Zeit. Josef hatte sich das rot glitzernde Sakko aus der Kiste übergeworfen und Maria trug lange blaue Handschuhe.
„Josef, unser Weg nach Bethlehem ist noch weit… „Auch wenn ich diese schönen Handschuhe trage, so ist mir doch kalt.“ Was machten die Kinder denn da? Was war das für ein Text? Pastor Peter musste sich setzen.
„Maria, möchtest du meine Jacke haben?“ „Danke, Josef, du bist so lieb zu mir!“ Sie schlüpfte in sein Sakko. Ein Anblick, der die Gemeinde schmunzeln ließ. „Lass uns dort vorne mal klopfen. Vielleicht können wir dort die Nacht verbringen.“ Sie klopften, und es dauerte nicht lange, und schon öffnete ihnen der Wirt.
Als sich die Tür des Gasthauses öffnete, machte das Herz von Pastor Peter einen kleinen Aussetzer. Trug der Wirt tatsächlich ein Plastiksaxofon um den Hals? Das konnte ja wohl nicht wahr sein. „Nein, wir haben keinen Platz für euch. Wir feiern hier drinnen ’ne Party mit echt guter Musik. Für all die weltlichen Probleme haben wir heute wirklich keine Zeit. Morgen wieder.“
Und so zogen Maria und Josef weiter. Sie klopften an der nächsten Tür, einmal, zweimal. Doch niemand öffnete. Wo war Wirt 2 geblieben? Der Pastor blickte sich um. Nirgendwo war Wirt 2 zu sehen. „Auch das noch…!“ Plötzlich trat Wirt 1 noch einmal auf die Bühne und verkündete: „Der Kollege ist verreist.“ Maria und Josef gingen zur dritten Tür weiter. Hier öffnete ihnen ein Wirt mit einer überdimensional großen Brille. „Entschuldigung, haben Sie vielleicht einen Ort, wo wir heute Nacht schlafen können?“, sagte Josef seinen Text auf. „Hier im Haus leider nicht. Ihr wisst, all meine Möbel und Sachen, die nehmen so viel Platz ein. Aber im Stall bei den Tieren kann ich euch eine Ecke freiräumen.“
Wieder ein völlig anderer Text, aber immerhin kamen die beiden so im Stall an. Langsam begann Pastor Peter sich zu entspannen. Niemand der Gottesdienstbesucher war bisher gegangen, manche hatten scheinbar sogar Spaß.
Nachdem Jesus geboren worden war – immerhin hatte die Puppe mit seiner Windel das richtige Kostüm an –, wunderte sich auch niemand mehr über die Partyhüte der Hirten. Sie standen auf dem Feld, als ein Engel mit einer langen Federboa zu singen begann: „Vom Himmel hoch, da komm’ ich her…“
Die Gemeinde schien Gefallen an diesen überraschenden Kostümen mit der veränderten Handlung zu finden. Je länger das Krippenspiel dauerte, desto besser wurde die Stimmung im Kirchenschiff. Und als die heiligen drei Könige schließlich ihren Auftritt hatten, traten sie mit ihren Krönchen mit der Aufschrift „Happy New Year“ auf die Bühne. „Im Vergleich sogar noch ziemlich realistisch“, ging es Pastor Peter durch den Kopf.
Schließlich standen zum großen Finale alle auf der Bühne. Ein völlig verrücktes Bild: Der Wirt mit dem Saxofon, die Partygesellschaft vom Feld, der Engel mit der Federboa, die Könige mit ihren Krönchen. Alles funkelte und glitzerte.
Kurz vor Schluss kam sogar noch Wirt 2 durch die Reihen in die Kirche gerannt. Keuchend stand er vorn und sagte: „Jesus braucht doch noch einen Nuckel“ und steckte ihm eine Papiertröte in den Mund. Die Gemeinde applaudierte und feierte! Pastor Peter hörte die Gemeinde tuscheln. „Das war ja mal ein echter Kindergeburtstag!“ „Ein Krippenspiel mit so viel Tiefe, toll!“
Abends saß der Pastor völlig K.O. auf seinem Sofa. So einen Heiligabendgottesdienst hatte er noch nicht erlebt. Er griff zum Handy und verfasste eine Nachricht: Liebe Kollegin, bekomm keinen Schrecken, wenn du in den Karton mit den Kostümen schaust. Bleib zuversichtlich – eine Silvesterfreizeit mit Hirten, Engeln und Königen wird sicher der Hit!