„Steps to Remember“ – Ein Gedenkmarsch gegen das Vergessen

Nachricht Bremen-Sandbostel, 19. Mai 2025

Vier Tage, 80 Kilometer, Hunderte Teilnehmer: Der Gedenkmarsch „Steps to Remember“ führte vom Bunker Valentin in Bremen-Farge bis zur Gedenkstätte Lager Sandbostel – auf den Spuren eines der letzten Todesmärsche des NS-Regimes vor 80 Jahren. Eine bewegende Aktion gegen das Vergessen, getragen von einer eindrucksvollen gesellschaftlichen Beteiligung.

Der Gedenkmarsch erinnerte an die KZ-Häftlinge, die im Frühjahr 1945 unter unmenschlichen Bedingungen von den Nationalsozialisten auf einen sogenannten „Evakuierungsmarsch“ geschickt wurden – für viele ein Todesmarsch. Ziel war das Kriegsgefangenenlager Sandbostel (Stalag X B), wohin tausende Gefangene unter anderem aus den Arbeitslagern im Raum Bremen getrieben wurden.

Der Marsch startete mit der ersten Etappe von Bremen-Farge nach Hagen. Hier am Bunker Valentin gab es kurz vor dem Abmarsch die letzten Regentropfen, der gesamte Marsch sollte trocken und überwiegend sonnig bleiben. Etwa 900 Teilnehmer machten am ersten Tag mit, aber nicht alle liefen die gesamte Strecke. Zur Mittagspause in Schwanewede gab es kostenlos Erbsensuppe aus den Töpfen der Bundeswehr, die wie auch die Polizei einen Großteil der Marschierenden stellten.

Rund 400 Menschen, darunter viele Schüler, nahmen am folgenden Tag die 17 Kilometer lange Strecke bis Beverstedt in Angriff. Künstlerische Beiträge wie der Liedermacher Pascal Gentner, dessen familiäre Geschichte eng mit der NS-Zeit verknüpft ist, gaben der Veranstaltung emotionale Tiefe. An jeder Station entlang der Route wurde innegehalten, zugehört, nachgedacht. An der Schule in Bokel oder am Bahnhof Stubben: Überall wurde klar, dass es nicht nur um Vergangenheit geht, sondern auch um die Frage, wie wir heute Erinnerung lebendig halten können. Es gab kleine Abstecher zu jüdischen Friedhöfen in Hagen und Beverstedt. Rabbi Jona Simon aus Oldenburg berichtete aus deren Geschichte und verriet, dass man Steine statt Blumen auf den Grabstein legt, und dass die Juden zur Hochzeit schon ihr Totenhemd bekommen.

Ein Höhepunkt des Gedenkmarsches war am dritten Tag die Begegnung mit dem Zeitzeugen Johann Dücker auf dem Friedhof in Volkmarst, der als Kind 1945 die Erschießung zweier Kriegsgefangener miterleben musste – ein Trauma, das ihn zeitlebens prägte und ihn dazu bewegte, für eine würdige Bestattung der Opfer zu sorgen. Auch die Erinnerung von Johann Knop, ebenfalls Zeuge einer Erschießung, wurde in Oerel gewürdigt. Knop ist Anfang des Jahres verstorben, Samtgemeindebürgermeister Stephan Meyer erinnerte an Knops Erlebnissen. Der Marsch durch Orte wie Barchel, Glinde oder Bremervörde führte vorbei an neu eingeweihten Gedenkstelen – stille Mahnmale, die dauerhaft an das Leid der Opfer erinnern sollen.

Die Abschlussveranstaltung am Sonntag in Sandbostel war geprägt von würdevoller Atmosphäre und klarer Haltung. Rund um die ehemalige Lagerküche der Gedenkstätte kamen etwa 400 Menschen zusammen. Es gab eindrucksvolle Reden und bewegende Lieder, die alle Teilnehmer tief berührten. „Was vor 80 Jahren geschah, darf nie wieder passieren“, lautete das einhellige Fazit. Der Marsch zeigte eindrucksvoll, wie Erinnerungskultur gestaltet werden kann: durch gemeinsames Gehen, durch Zuhören, durch Dialog – über Generationen hinweg. Und vor allem durch die klare Botschaft: Nie wieder.

Die Polizeiinspektion Verden/Osterholz hatte federführend mit vielen weiteren beteiligten Organisationen, darunter auch der Kirchenkreis Osterholz-Scharmbeck z.B. mit den Notfallseelsorger*innen  und der an der Strecke liegenden Gemeinden den Gedenkmarsch „Steps to Remember“ sehr gut organisiert.

Pastor Hans Jürgen Bollmann, Beauftragter für Notfallseelsorge im Sprengel Stade erinnert sich: "Beeindruckende Tage liegen hinter mir, der Gedenkmarsch hatte für mich (in und mit dem Seelsorgeteam) an jedem Tag seine besonderen Highlights. Angefangen bei der Eröffnungsveranstaltung im Bürgerhaus in Vegesack, Renate Sonnenberg lässt uns teilhaben an einer Bilddokumentation des  Gedenkmarsches von 1985. Schnell wird deutlich, das war politisch eine ganz andere Zeit. Nicht vorstellbar, dass die Polizei – wie in diesem Jahr 2025 - zu den Hauptorganisatoren des Marsches gehört, geschweige denn, dass Polizist*innen und Soldat*innen sich gemeinsam mit den vielen Menschen auf den Weg machen, um ein starkes Zeichen gegen das Vergessen zu setzen. Der Abend im Bürgerhaus wird mit einer anrührenden szenischen Lesung beendet, im Raum ist eine große Betroffenheit zu spüren. Es ist still, selbst der Moderator ringt mit seinen Gefühlen.

Der Start am nächsten Morgen beginnt mit sehr guten Begrüßungsreden, die genau das wieder aufgreifen. Die Seitengespräche auf den Weg oder an den Pausenorten zeigen, wie beeindruckt alle sind. Fast 800 Leute sind auf dem Weg, darunter viele Schüler*innen, junge sich noch in der Ausbildung befindliche Polizist*innen und viele engagierte Menschen. Der Kontakt und die Gespräche untereinander sind sehr unkompliziert. Antje Schlichtmann (Polizeidirektorin Verden/Osterholz) und Christoph Schröder (Lehrer an den BBS OHZ) haben etwas großartiges organisiert.

Auf dem zweiten Streckenabschnitt nehmen wir einen kurzen Abzweig zum jüdischen Friedhof. Rabbi Simon erklärt, wie und warum es diesen Friedhof dort in Hagen gibt. Dieser nur kleine Abzweig bleibt in Erinnerung! Der Samstag bildet den besonderen Höhepunkt.  Michael Freitag-Parey (Friedenspädagoge der Gedenkstätte Lager Sandbostel) begrüßt Johan Dücker, der als Zeitzeuge eine ergreifende Rede hält und uns mitnimmt in die Zeit, als er gerade mal 9 Jahre alt ist. Die Betroffenheit der Zuhörer*innen ist groß, bei kleinen Gesprächen am Rand merke ich, wie das bei allen noch lange nachwirkt und einigen die Stimme versagt. 

Am Abend wird das Leben von Johann Dücker in der Aula der Grund- und Oberschule in Oerel in einer szenischen Lesung durch Schüler*innen der Berufsbildenden Schulen Osterholz dargestellt. Der Abschluss am Sonntag hat noch einmal eine eigene Dynamik. Wieder sind über hundert Soldat*innen mit auf dem Weg und viele Menschen, die bereits ein Teil des Weges mitgegangen sind.

Als sehr spannend erlebe ich ein Gespräch mit einem Polizisten, der mit mir gemeinsam darüber nachdenkt, wie wir  „Frieden“ eigentlich definieren. Schließlich erreichen wir das Lager Sandbostel erfüllt von allen Begegnungen und Gesprächen mit  der uns verbindenden Hoffnung, dass mit den STEPS TO REMBER die Erinnerungen nicht abflachen und vor allem, um ein deutliches  Signal zu setzen, um vor der Wiederholung jener Vorkommnisse zu waren.

Ausschreitungen gab es nicht, das Seelsorgeteam (acht haupt- und ehrenamtliche Seelsorger*innen) war präsent und war und ist angetan, dabei gewesen zu sein. Das Armband, das an die Veranstaltung erinnert, leuchtet in der Dunkelheit und wird somit zu einem starken Symbol."