„Männer mit unrasierten Beinen, Achseln und im Intimbereich werden für gewöhnlich als unhygienisch empfunden.“ Der Satz auf einem der Plakate ließ manche Besucherinnen und Besucher innehalten. Einige schmunzelten. Andere runzelten die Stirn. Genau darum ging es bei der Ausstellung „#seiten.verkehrt“, die am vergangenen Mittwoch in den Räumen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Osterholz-Scharmbeck zu sehen war: Gewohnte Sichtweisen verrücken und Denkmuster sichtbar machen.
Organisiert wurde die Ausstellung gemeinsam von der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Osterholz, Katja Lipka, der Diakonie Osterholz-Scharmbeck mit Esther Ohlerich und Agnes Ploch sowie der AWO mit Inske van Hullst und Claudia Michaelis, die allesamt vor Ort abwechselnd für Gespräche bereitstanden.
Die Ausstellung dreht bekannte Rollenbilder um. Aussagen, Erwartungen und Einschränkungen, die Frauen aus ihrem Alltag kennen, werden auf Männer übertragen. Dadurch entsteht Irritation. Und genau in dieser Irritation beginnen viele Gespräche.
„Wir hätten auch hundert Beispiele auswählen können“, sagte Claudia Michaelis mit Blick auf die gezeigten Tafeln. Am Ende fiel die Wahl auf zehn Aussagen, die besonders deutlich zeigen, wie tief manche Vorstellungen über Geschlechter bis heute verankert sind.
Entwickelt wurde „#seiten.verkehrt“ ursprünglich von Mirja Siegl, die unter diesem Hashtag viele weitere Beispiele zeigt. Die Wanderausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Rotenburg (Wümme) und der AWO. Seitdem reist sie durch Rathäuser, Institutionen und öffentliche Einrichtungen der Region.
Die Ausstellung war in Osterholz-Scharmbeck etwas versteckt über einen Seiteneingang erreichbar. Das machte sich bei den Besucherzahlen bemerkbar. Dennoch entstanden schon am Vormittag intensive Gespräche. „Sobald Menschen vor den Tafeln stehen bleiben, kommen sie miteinander ins Gespräch“, berichtete Inske van Hullst. Oft gehe es dabei weniger um Zustimmung oder Ablehnung als um die Frage, warum bestimmte Vorstellungen überhaupt so selbstverständlich erscheinen.
Besonders ältere Besucherinnen und Besucher reagierten teilweise deutlich auf einzelne Aussagen. Das überraschte die Organisatorinnen nicht. Hinter jedem Plakat fanden sich deshalb zusätzliche Informationen und ein Faktencheck. Wer genauer hinsah, bekam Hintergründe, Zahlen und Einordnungen. So blieb niemand allein mit der ersten Irritation.
Die Ausstellung greift viele Themen auf. Es geht um Sicherheit im öffentlichen Raum, um Berufsbilder, um Sprache und um die ungleiche Verteilung von Erwartungen. Auch Fragen nach gerechter Bezahlung oder nach dem Zugang zu Verhütungsmitteln fanden ihren Platz in den Gesprächen.
Dabei wirkt die Ausstellung nie wie ein erhobener Zeigefinger. Sie arbeitet mit Perspektivwechseln. Das macht manches beinahe komisch. Gleichzeitig legt es offen, wie merkwürdig manche Regeln erscheinen, sobald sie die Seite wechseln.
Am Ende führt dieser Perspektivwechsel auch zu einem Thema zurück, das Claudia Michaelis besonders wichtig ist: die sogenannte Pink Tax. Gemeint ist keine Steuer im eigentlichen Sinn, sondern der Umstand, dass Frauen für vergleichbare Produkte häufig mehr bezahlen als Männer. Rasierer, Deodorants oder Rasierschaum kosten oft allein deshalb mehr, weil Verpackung und Vermarktung auf Frauen zugeschnitten sind. Auch bei Dienstleistungen wie Haarschnitten oder der Reinigung von Kleidung zeigen sich ähnliche Unterschiede.
Wer durch „#seiten.verkehrt“ ging, begegnete solchen Beispielen auf Schritt und Tritt. Die Ausstellung stellte keine fertigen Antworten bereit. Sie stellte Fragen. Manche blieben noch lange im Kopf. Wie ein Stein im Schuh, der erst beim Gehen spürbar wird. Genau darin lag ihre Wirkung.