Vom Berner Oberland nach Lilienthal

Nachricht Lilienthal, 26. August 2026

Pastorin Sieglinde Klie ist neu in der Kirchengemeinde Lilienthal. Die 45-Jährige bringt Erfahrungen aus Rostock und der Schweiz mit – und freut sich auf Teamarbeit, Seelsorge und viele Begegnungen.

Der Weg nach Lilienthal führte Sieglinde Klie über Brandenburg, Rostock und das Berner Oberland. Seit dem 1. August ist die 45-jährige Pastorin in der Kirchengemeinde Lilienthal. Mit einer Dreiviertelstelle ist sie vorwiegend für Falkenberg und Sankt Jürgen zuständig. Sie folgt auf Pastor Wildrik Piper. 

Mit ihrem Mann Thomas und den drei Töchtern Solveig, Levke und Freya lebt Klie inzwischen in Lilienthal. „Hier in Lilienthal sind wir perfekt aufgehoben. Alles ist wunderbar mit dem Fahrrad zu erreichen“, sagt Klie. Der Ort passe zur Familie, weil er Stadt und Land verbinde. Auch die Aussicht auf Teamarbeit habe sie bei der Bewerbung angesprochen. 

Aufgewachsen ist Sieglinde Klie in Freyenstein in Brandenburg. Dass sie selbst einmal Pastorin werden würde, stand lange nicht fest. In der Schule interessierte sie sich für vieles. Schließlich kristallisierten sich Religion und Psychologie heraus. Die Frage lautete für sie: Seelsorgerin oder Therapeutin? „Seelsorgerin war dann stimmiger“, erinnert sie sich. 

Auch während des Theologiestudiums mit anschließender Promotion hielt sie sich verschiedene Wege offen. Sie forschte zur Bestattungskultur (Urnenkirchen), arbeitete im Projekt „Religionshybride“ und als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Theologie. 2016 fiel die Entscheidung: „Jetzt wird es Zeit, ins Vikariat zu gehen.“ Das absolvierte sie im Raum Rostock am Stadtrand in einer zum Teil recht ländlich geprägten Gemeinde mit sozialen Herausforderungen. 

Danach zog es Klie in die Schweiz. Ein Schweizer Pfarrer, den sie in Rostock kennengelernt hatte, machte ihr eine Stelle am Thunersee schmackhaft. In einem kleinen Dorf im Berner Oberland sprang sofort der Funke über. „Es hat gleich gefunkt. Man war dort in Amsoldingen auf einer Wellenlänge“, sagt sie. Ihr Mann pendelte von dort aus für ein halbes Jahr noch mit dem Nachtzug nach Rostock.

Dauerhaft sollte die Schweiz trotzdem nicht die neue Heimat bleiben. Die Familie wollte zurück in den Norden und schaute nach freien Stellen. So stieß Klie auf Lilienthal. Schon der erste Kontakt blieb hängen. Pastorin Tanja Kamp-Erhardt holte sie vom Bremer Hauptbahnhof ab. „Wir sind gleich ins Schnattern geraten“, erinnert sich Klie. Danach ging es nach Lilienthal, und weiter nach Sankt Jürgen. Die Mischung aus ländlichem Raum und Nähe zur Stadt gefiel ihr. 

In ihrer neuen Stelle freut sie sich besonders auf Gottesdienste, Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Auch Seelsorge liegt ihr am Herzen. Sie will Kontakt zu den Kindertagesstätten halten und vor allem Zeit für Menschen haben. „Vertrauen braucht Zeit“, sagt Klie. Diese Erfahrung habe sie in der Schweiz gemacht. Genau diese Zeit wolle sie nun auch den Menschen in Lilienthal geben. 

Menschen an Übergängen ihres Lebens zu begleiten, beschreibt einen wichtigen Teil ihres Berufsverständnisses. Dabei gehe es ihr darum, mit Worten aus der Bibel Hoffnung und Trost weiterzugeben. Gleichzeitig freut sie sich auf die lebendige Kirchenmusik in Lilienthal und auf eine Arbeitsweise, die sie aus der Schweiz kaum kennt: den engen Austausch im Team. „Das Pfarrteam und der Kirchenvorstand sind ein gut eingespieltes Team. Das merkt man gleich.“ 

Auch außerhalb klassischer Gottesdienste möchte Klie Menschen kennenlernen. Geburtstagsbesuche gehören für sie dazu, ebenso Gemeindefeste und Begegnungen mit Familien über die Kindertagesstätten. In die Konfirmandenarbeit will sie ebenfalls hineinschnuppern. Im Oktober fährt sie deshalb mit den Jugendlichen nach Spiekeroog. Dass nach dieser Fahrt alle ziemlich erschöpft seien, habe man ihr bereits angekündigt. Die Vorfreude überwiegt trotzdem. 

Manches in Lilienthal ist für sie neu. Dazu gehört die starke Beteiligung von Lektorinnen, Lektoren, Prädikantinnen und Prädikanten. Diese Offenheit schätzt sie. Sie sei nicht nur aus personeller Not entstanden, sondern gebe Menschen bewusst Raum, Kirche mitzugestalten. „Das muss bleiben“, sagt Klie auf die Frage, was bei Kirche bleiben soll und was sich verändern darf. Auch am Gottesdienst am Sonntag hält sie fest. Für Klie ist er eine Konstante im kirchlichen Leben. Daneben dürfe es andere Zeiten und Formen geben. „Ein einfacher, ganz normaler Gottesdienst muss aber auch sein dürfen.“ 

Klie beginnt in einer Kirche, die sich bereits in einem tiefgreifenden Transformationsprozess befindet, sich zu orientieren und diesen Prozess mitzugestalten ist ihr künftig aufgetragen. Dass Kirche ein Imageproblem hat, ist ihr auch in der Schweiz nicht entgangen. Kirche gelte schnell als verstaubt und nicht mehr zeitgemäß. Kirche muss aus ihrer Sicht zugleich deutlich machen, wofür sie steht. Entscheidend sei deshalb, diese Botschaft ernst zu nehmen und ins konkrete Handeln zu übersetzen. Menschenverachtende Aussagen will sie nicht unwidersprochen stehen lassen. Zugleich gehe es darum, Ängste wahrzunehmen, Menschen nicht vorschnell zu verurteilen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Auf die Frage hin, wie politisch Kirche sein soll, antwortet sie, dass Kirche dies durch den öffentlichen Gottesdienst, in welchem ja christliche Werte vermittelt und kirchliche Standpunkt dargelegt werden (Liturgie: öffentlicher Dienst) ohnehin per se sei.

Für ihr erstes Jahr setzt sich Klie kein aufgeblähtes Programm. Sie will Menschen kennenlernen, Beziehungen aufbauen und als Ansprechpartnerin bei Problemen wahrgenommen werden. Für Sankt Jürgen möchte sie außerdem eine spirituelle Form entwickeln, die zum Ort und zu den Menschen passt. Ihr Vorgänger Wildrik Piper lebte dort direkt am Pastorenhaus und war für viele jederzeit greifbar. Klie muss nun ihren eigenen Weg finden. 

Vielleicht liegt darin ihre wichtigste Aufgabe für die ersten Monate: nicht sofort alles neu zu ordnen, sondern erst einmal zuzuhören. Nach Jahren zwischen Forschung, Rostock und Berner Oberland beginnt für Sieglinde Klie jetzt ein neuer Abschnitt. Dieses Mal zwischen Klosterkirche, Falkenberg, Sankt Jürgen und vielen Wegen, die sich mit dem Fahrrad zurücklegen lassen.