„Ich wollte immer Seelsorger sein“

Nachricht Osterholz-Scharmbeck , 19. August 2026

Pastor Gerd Rühlemann geht in den Ruhestand. Bei Anderland und im Klinikum Lilienthal fand er Aufgaben, die zu seinem Verständnis von Seelsorge passen: zuhören, Menschen ernst nehmen und ihnen Raum für ihre eigenen Wege lassen.

Wenn Gerd Rühlemann über seine Arbeit bei Anderland und im Klinikum Lilienthal spricht, braucht er nicht lange nach einer Erklärung zu suchen. „Hier schlägt mein Herz“, sagt der Pastor. Seit Jahren begleitet er dort Menschen in Situationen, in denen vieles ins Wanken gerät. Kinder trauern um einen Elternteil. Angehörige sorgen sich um einen erkrankten Menschen. Patientinnen und Patienten fragen sich, wie es weitergeht.

Am 23. August wird Gerd Rühlemann in einem Gottesdienst in der Martinskirche Lilienthal verabschiedet. Zum 1. September beginnt sein Ruhestand. Mit 66 Jahren empfindet er den Zeitpunkt als richtig. „Es ist gut jetzt. Auch für eine neue Generation.“ Bei Anderland habe ihm kürzlich ein Kind erzählt, sein Opa sei 54 Jahre alt. Rühlemann musste schmunzeln.

Seine Arbeit der vergangenen Jahre passt zu einem Satz, der sich durch sein Berufsleben zieht: „Ich wollte immer Seelsorger sein.“ Zuhören und beraten, Menschen ein Stück ihres Weges begleiten – das habe ihm schon früh gelegen. Als Jugendlicher leitete er Kindergruppen in der Kirchengemeinde. Einen großen Plan für das Pfarramt hatte er damals trotzdem nicht.

Eigentlich wollte Rühlemann Mathematik und Religion auf Lehramt studieren. Mathematik verlor auf dem Weg zum Abitur ihren Reiz. Die Religion blieb. Auf die Frage, ob er sich damals berufen fühlte, antwortet er trocken: „Ich wusste einfach nichts anderes.“

Aus diesem Anfang wurde ein Berufsleben, in dem die Begleitung von Menschen immer wichtiger wurde. Rühlemann studierte in Bethel und Marburg, absolvierte sein Vikariat in Uetze bei Celle und kam über Stationen im Emsland nach Melle. Dort teilte er sich elf Jahre lang eine Pfarrstelle mit seiner damaligen Ehefrau.

Schon damals lagen ihm Beerdigungen besonders am Herzen. Er wollte Menschen trösten und in den Trauerfeiern nicht nur Lebensdaten aufzählen. „Die Lebensgeschichte zu erzählen, das war mir immer sehr wichtig.“ In Melle engagierte er sich auch beim Aufbau einer Hospizgruppe.

Später führte ihn sein Weg nach Osterholz-Scharmbeck. Rühlemann bildete sich zum Schulpastor fort und arbeitete zunächst in Schwanewede, anschließend am Gymnasium Osterholz-Scharmbeck. Dreizehn Jahre lang gehörte die Schule zu seinem Alltag. Auch dort ging es ihm um Beziehungen und darum, Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen.

Dann kam Anderland. Eher ungeplant, wie Rühlemann sagt. Er sprang zunächst für eine erkrankte Kollegin ein. Aus der Vertretung wurde eine Aufgabe, die ihn über viele Jahre begleiten sollte. Rund 200 Kinder im Alter zwischen vier und zwölf Jahren und ihre Familien hat er dort nach eigener Schätzung in 13 Jahren begleitet.

Warum ihm diese Arbeit so nahe ist, erklärt sich auch aus seiner eigenen Kindheit. Seine Großmutter starb, als er sechs Jahre alt war. Die Nachricht erreichte ihn auf der Rückbank eines Autos. „Es kribbelt heute noch im Bauch, wenn ich davon erzähle.“ Kurz vor seiner Konfirmandenzeit starb auch sein Großvater. Von damals ist vorwiegend ein Bild geblieben: viele fremde Menschen.

Vielleicht rührt daher seine Aufmerksamkeit für das, was Kinder nach einem Todesfall benötigen. Rühlemann möchte ihnen die Trauer nicht abnehmen. Er will ihnen einen Ort geben, an dem sie ihren eigenen Umgang damit finden.

Dieser Weg sieht bei jedem Kind anders aus. Manche reden. Andere spielen oder toben. Ein Kind springt in eine Pfütze, wenn ihm danach ist. Erwachsene hätten sich vieles davon längst abgewöhnt, sagt Rühlemann. Dabei könne gerade diese Freiheit helfen.

Er erlebt, dass Kinder wieder Gefühle zeigen oder plötzlich über den verstorbenen Menschen sprechen. Niemand bewertet, wie Trauer auszusehen hat. „Jeder findet seinen eigenen Weg“, sagt Rühlemann. Entscheidend sei, dass die Kinder wahrgenommen werden.

Genau dort berühren sich für ihn Anderland und die Seelsorge im Krankenhaus. In beiden Bereichen geht es darum, Menschen zu sehen. Ihnen Zeit zu geben. Sie erzählen zu lassen, auch von dem, was schwer auszusprechen ist.

Seit 2019 arbeitet Rühlemann zusätzlich als Krankenhausseelsorger im Klinikum Lilienthal. Die beiden Aufgaben ergänzten sich für ihn. Krankheit, Abschied und Trauer halten sich nicht an klare Grenzen.

Im Krankenhaus sei Zeit ein entscheidender Teil seiner Arbeit. Angehörige kennen viele Geschichten längst. Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte arbeiten unter hohem Druck. Der Seelsorger dagegen setzt sich ans Bett und hört zu. „In der Klinik hat keiner Zeit. Nur ich als Seelsorger.“

Dieses Zuhören versteht Rühlemann nicht als Vorstufe zu fertigen Antworten. Er will Menschen ernst nehmen und auch Entscheidungen aushalten, die andere vielleicht schwer nachvollziehen. Es geht um die Lebenswelt seines Gegenübers, nicht um seine eigene.

Manchmal führt ein Gespräch zu religiösen Fragen, manchmal nicht. Beides hat Platz. „Raum zu schaffen, alles auszusprechen“, beschreibt Rühlemann einen Kern seiner Arbeit.

Auch bei Beerdigungen hat er erlebt, wie eng praktische Fragen und Trauer miteinander verbunden sind. Wie geht es weiter, wenn der Ehepartner stirbt? Wie reagiert das Umfeld? Was passiert mit der eigenen Rolle im Leben? Gefühle und Alltag lassen sich nach seiner Erfahrung nicht sauber voneinander trennen.

„Ich wollte immer Seelsorger sein, Menschen begleiten, weil ich mich von Gott begleitet weiß“, sagt Rühlemann. Dieser Satz verbindet für ihn Beruf und Glauben. Und er erklärt auch, warum er seinen Abschied nicht als Bruch empfindet. „Deswegen bin ich gerade an der richtigen Stelle. Und deswegen ist jetzt zu gehen auch der richtige Zeitpunkt.“

Große Pläne für den Ruhestand hat er nicht. Zunächst wartet etwas sehr Bodenständiges: Das Arbeitszimmer soll aufgeräumt und aussortiert werden.

Danach dürfte es musikalischer werden. Vor einem Jahr hat sich Rühlemann ein gebrauchtes Akkordeon gekauft. Bislang blieb wenig Zeit zum Üben. In Gottesdiensten in der Martinskirche begleitete er damit gelegentlich neuere Kirchenlieder – nach eigener Einschätzung „mehr schlecht als recht“.

Das soll sich ändern. Passend dazu beginnt sein Ruhestand am 1. September mit dem Besuch eines Akkordeonkonzerts.

Auch Familie und Freunde sollen mehr Raum bekommen. Menschen, die weiter entfernt wohnen, will er häufiger besuchen. Und er freut sich darauf, wieder in Ruhe zu kochen, ohne dass die Zeit dafür zwischen berufliche Termine gequetscht ist.

Einen Stundenplan für den neuen Lebensabschnitt hat Gerd Rühlemann nicht geschrieben. Nach vielen Jahren, in denen Zuhören zu seinem Beruf gehörte, lässt er nun offen, was als Nächstes kommt.

„Ansonsten schaue ich mal, was kommt.“