Osterholz-Scharmbeck. Welche Spielräume hat Kirche? Wo braucht es Mut, etwas anders zu machen? Und wie wird Kirche sichtbar? Mit diesen Fragen hat Lara Schilde ihren Dienst als Superintendentin des Kirchenkreises Osterholz-Scharmbeck aufgenommen. Regionalbischöfin Sabine Preuschoff führte die 42-Jährige am Sonntagnachmittag in einem Festgottesdienst in der St.-Willehadi-Kirche in ihr Amt ein.
Mehr als zwei Stunden dauerte der Gottesdienst, der von viel Musik getragen wurde. Bläserinnen und Bläser aus dem Kirchenkreis spielten unter der Leitung von Kreisposaunenwart Florian Kubiczek. Sängerinnen und Sänger des Bachchores Lilienthal und der Scharmbecker Kantorei wirkten unter Leitung von Kirchenkreiskantorin Caroline Schneider-Kuhn mit. Die stellvertretenden Superintendenten Birgit Spörl und Hans-Jürgen Bollmann leiteten den Gottesdienst.
Regionalbischöfin Sabine Preuschoff dankte zu Beginn Bollmann und Spörl sowie Pastor Björn Beißner. Sie hatten während der mehr als einjährigen Vakanz Leitungsverantwortung übernommen. „Das habt ihr großartig gemacht, danke“, sagte Preuschoff.
In ihrer Einführungsansprache nahm die Regionalbischöfin ein Wort aus dem Epheserbrief auf, das Schilde für diesen Tag ausgewählt hatte: „Lebt als Kinder des Lichtes; die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“
Preuschoff zeichnete den persönlichen und beruflichen Weg der neuen Superintendentin nach. Schilde wuchs katholisch im Alten Land auf und lernte schon früh auch die evangelische Kirche kennen. Als Jugendliche erlebte sie während einer Andacht einen Moment, der für sie prägend wurde: „Ich will für Gott und mit den Menschen arbeiten.“
Nach längerer Auseinandersetzung entschied sie sich für die evangelische Kirche und für das Theologiestudium. Später arbeitete sie 14 Jahre als Pastorin in Bexhövede. Hinzu kamen Aufgaben als stellvertretende Superintendentin, im Kirchenkreisvorstand, in der Ausbildung von Vikarinnen und Vikaren sowie als Kirchenkreisjugendpastorin.
Für ihren neuen Dienst gab Preuschoff ihr drei Begriffe mit: Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Kirche müsse Menschen aufrichten, Verantwortung übernehmen und auch dort wahrhaftig bleiben, wo es unbequem werde. Gerade in unsicheren Zeiten brauche es Hoffnung und Orientierung. „Man braucht nur eine Kerze, um die Dunkelheit zu vertreiben“, sagte Preuschoff.
Bei der Einführung standen Lara Schilde, Felix Schäffer aus der Evangelischen Jugend, Hans-Jürgen Bollmann und Birgit Spörl, die Vorsitzende der Kirchenkreissynode, Heike Schumacher sowie Albrecht Preisler zur Seite. Preisler ist Superintendent des Kirchenkreises Wesermünde, in dem Schilde zuvor als Pastorin in Bexhövede tätig war.
Dann übernahm die neue Superintendentin selbst.
Für ihre Predigt wählte Schilde die Geschichte von Zachäus. Ihren Einstieg fand sie jedoch in Hannover. Beim Kirchentag hatte sie am Abend der Begegnung volle Straßen erlebt. Viele Menschen waren unterwegs, manches wirkte unübersichtlich. Menschen trugen Sorgen mit sich und zugleich Mut im Blick.
„So ähnlich“, sagte Schilde, „müsse es Zachäus ergangen sein. Er will Jesus sehen, doch die Menschenmenge versperrt ihm die Sicht. Dazu ist er klein und kommt nicht auf Augenhöhe mit den anderen. Also entwickelt er einen Plan: Er läuft voraus und steigt auf einen Baum.“
Zachäus wartet nicht ab. Er nutzt seinen Spielraum und verändert seine Perspektive.
Für Schilde liegt darin eine Frage, die weit über die biblische Geschichte hinausreicht. Wie bleibt ein Mensch handlungsfähig, wenn vieles unübersichtlich wird? Wie gelingt es, über den Tellerrand zu schauen und im eigenen Tun einen Sinn zu erkennen?
Auch heute sei der Kampf um Aufmerksamkeit groß, sagte Schilde. Besonders in sozialen Medien hielten Wut, Hass und Ekel Menschen bei der Stange. Zachäus dagegen entscheidet sich für einen anderen Weg. Für ihn, so formulierte Schilde, könne „der Untergang warten“.
Auf dem Baum bleibt Zachäus nicht unbemerkt. Jesus weiß, wer dort sitzt. Er spricht ihn an und geht mit ihm nach Hause. Was dort genau geschieht, erzählt die Geschichte nicht. Aber danach handelt Zachäus anders. Er gibt die Hälfte seines Besitzes an die Armen und verspricht, zu Unrecht genommenes Geld vierfach zurückzuzahlen.
Für Schilde liegt darin eine entscheidende Wendung. „Zu wem soll Jesus denn gehen? Zu so einem? Zu wem denn sonst?“
Zachäus wird gesehen und dadurch verändert. Er erfahre Heil. Daraus leitete Schilde die Fragen ab, die auch ihren Dienst als Superintendentin prägen sollen: „Wie können wir im Kirchenkreis mutig vorauslaufen und wie Zachäus unseren Spielraum nutzen? Wie wollen wir gemeinsam Kirche sein und gestalten?“
Und schließlich: „Auf welchen Baum werden wir gemeinsam steigen, um sichtbar zu sein als Kirche?“
Schilde will dabei nicht zuerst auf Schwierigkeiten schauen. Aus einem „Moodboard“ könne ein „Mutboard“ werden, sagte sie. Kirche dürfe sich etwas zutrauen, neue Perspektiven suchen und ihren Handlungsspielraum nutzen.
Ihre Predigt endete deshalb nicht mit einer fertigen Antwort, sondern mit einer Einladung. Wenn sicher sei, dass Gott Menschen sieht und ihnen Heil zusagt, dann dürfe Kirche mutig werden: „Also rauf auf den Baum.“
Bei den anschließenden Grußworten wurde deutlich, dass dieser Weg nicht allein innerhalb der Kirche gesehen wird. Der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Osterholz-Scharmbeck, Klaus Sass, sprach von einem „Moment des Aufbruchs“. Kirche gebe Halt, Orientierung und Heimat. Stadt und Kirche könnten gemeinsam viel bewegen. Schilde wünschte er Gelassenheit und Mut.
Ute Zeilmann, seit Anfang September Leiterin des katholischen Dekanats Bremen-Nord, brachte eine Nuss mit. Sie stehe für Energie und für manche Aufgabe, die es zu knacken gelte. Die Ökumene allerdings sei „keine harte Nuss“. Beide Kirchen könnten einander stützen und gemeinsam in die Zukunft gehen.
Martin Krarup, Superintendent aus Buxtehude, sprach für den Ephorenkonvent und griff humorvoll die Geschichte vom Hasen und Igel auf, die eben nicht wie weithin angenommen in Buxtehude stattfand, sondern in Bexhövede. Heike Schumacher hieß die neue Superintendentin im Namen der Kirchenkreissynode willkommen. Nach mehr als einem Jahr Vakanz sei die Freude groß. Der Kirchenkreis sei eine lebendige Gemeinschaft engagierter Menschen, die Kirche gemeinsam gestalten wollten.
„Du hast dich für den schönsten aller Kirchenkreise entschieden“, sagte Schumacher. Gesucht worden sei eine mutige, kreative und innovative Leitung. Ihr Fazit: „Gesucht und gefunden.“
Nach gut zwei Stunden endete der Gottesdienst. „Den haben wir uns verdient“, sagte Lara Schilde mit Blick auf Kaffee und Kuchen. Danach blieb noch viel Zeit für Glückwünsche und persönliche Begegnungen.
Mit der Einführung beginnt nun auch offiziell ihre Arbeit an den Fragen, die sie selbst gestellt hat: Welche Wege geht Kirche in den kommenden Jahren? Wo nutzt sie ihre Spielräume? Und auf welchen Baum steigt sie vielleicht auch einmal, um eine andere Perspektive einzunehmen und sichtbar zu sein?


